Tag 17 – Kona Blog 2017

Das war gestern ein Tag, den wir nie vergessen werden. Nie waren Astrid und ich so stolz auf ein Finish. Nie hat Astrid mehr gekämpft als gestern. 
Astrid war gestern auf den Punkt fit an der Startlinie und sie war wieder mit breiter Brust und voller Selbstbewusstsein am Start. Das erste Mal nach der Verletzung. Sie wusste, dass es in ihr steckte. 


Astrid ist das Schwimmen super angegangen, hat am Anfang eine gute Gruppe erwischt und ihre Schwimmzeiten im Rennen hier um ganze vier Minuten verbessert. Was ein Start in den Tag. 

Ein schneller Wechsel aufs Rad, dabei drei andere Athletinnen in der Wechselzone überholt und dann souverän ihre Pace gefahren. Die Lücke zu den beiden nächsten Athletinnen von knapp einer Minute war nach 13 Kilometern zu gefahren und gemeinsam mit der ehemaligen 70.3 Weltmeisterin Mel Hausschild, ging die Fahrt weiter Richtung Hawi. Auf die Spitze verloren sie zwar etwas Zeit, aber auf die Weltmeisterin Daniela Ryf machten sie Zeit gut. Ideal, zumal Astrid an zweiter oder dritter Stelle in der Gruppe ihre Werte konstant fahren konnte. Der Wind frischte ab KM 40 konstant auf und die Bedingungen wurden immer besser für Astrid. Auch die Ernährungsstrategie setze sie perfekt um und fühlte sich komfortabel am Abzweig vom Queen K bei KM 69. Im Anstieg nach Hawi gingen dann die ersten Attacken, die Astrid innerhalb der vorher abgesprochenen Grenzen mitging. Im Ironman zählen nur die eigenen Werte und nicht das was andere machen, vor allem auf Hawaii. 


Plötzlich merkte Astrid wieder diesen aufkommenden Schmerz am Sacrum, welchen sie aus dem letzten Jahr zu gut kannte. Die Verletzung ging wieder auf. Jetzt galt es cool zu bleiben. Da sie wusste mit ein wenig Druck reduzieren würde es wahrscheinlich nicht schlimmer werden, nahm sie ein paar Watt nach Hawi hoch zurück und verlor gut eine Minute auf die Gruppe im Anstieg. Bergab, so der Plan wollte sie bei einer höheren Frequenz die sich verhärtende Muskulatur etwas lockern um dann auf dem Rückweg zu ihren Werten zurück zu finden. Ich bewundere diese Coolness in einem so wichtigen Rennen sehr, und das zeigt ihre wirkliche mentale Stärke. Reflektiert hat sie in der Hitze des Rennens – im wahrsten Sinne des Wortes, die Datei zeigt konstant steigende Temperaturen bis 40 Grad im Schatten, den es nicht gab – die Situation analysiert und reagiert. So konnte sie sich bergab fangen und etwas Zeit gut machen. Doch schon am Anstieg zurück zum Queen K ging die Muskulatur rund ums Sacrum wieder zu. Um den Schmerz und den Tonus zu reduzieren musste Astrid knapp 25 Watt rausnehmen und verlor damit auf dem Rückweg wichtige Zeit. Sie stellte aber damit sicher noch Laufen zu können und damit werden in Kona die Rennen gemacht. Top 10 war noch drin, als Astrid auf die Laufstrecke wechselte und sie gab alles. Cool lief Sie Ihre Pace die vorher abgesprochen war und durch die – leider – gesparte Energie auf dem Rad war die Kreislaufbelastung niedriger als üblich. Da 42KM bei 40 Grad aber hinten hart genug werden, haben wir entschieden auf keinen Fall schneller als geplant zu laufen. Astrid machte Platz um Platz gut und lief 45 Sekunden pro Meile schneller als die Athletinnen vor ihr. Große Namen waren dabei und die Zuversicht stieg wieder einen versöhnlichen Abschluss mit einem Top 10 Ergebnis zu finden. Am Wendepunkt auf dem Alii Drive als Chrissie Wellington ihr zujubelte sah man das Strahlen in ihren Augen. Viele Top-Favoriten waren bei den Bedingungen schon raus oder chancenlos. Pederson, Versterby, Beranek bei den Damen oder gar Frodeno bei den Herren. Die erbarmungslose Hitze forderte ihren Tribut. Astrid hingegen sah gut aus. Die Ernährung funktionierte reibungslos und jede Meile nahm sie Eis in die Hände, was laut Studien der medizinischen Fakultät der Harvad University der effizienteste Weg zum kühlen ist. Die Füße übrigens auch, aber das funktioniert so schlecht mit Schuhen. Hütchen für Hütchen auf der abgesperrten Fahrbahn arbeitete sie sich an die Konkurrenz heran und sah am Wendepunkt wie der Abstand nach hinten auch größer wurde. Auf zurück in die Stadt und Palani so hoch, dass die Herzfrequenzzähler in der steilen Rampe gleich bleibt. Also Tempo runter und oben erst wieder Fahrt aufnehmen. Hier gab es nochmals einen Gänsehautoment als eine Gruppe Schweden ihr den Anstieg mit „heja“ Rufen erleichterten, zu gut kannte sie diese Rufe noch von ihrem Sieg beim Ironman in Kalmar. Astrid guckte mich oben an und aus dem Strahlen in den Augen wurde Verzweiflung. Das Ziel Top 10 so nah und greifbar bei dem Tempo, rief sie, dass die Verletzung wieder da war und mit jedem Schhritt mehr schmerzte. Trotzdem kämpfte sie weiter. Es war alles so nah und die Entbehrungen noch so präsent. Mit jedem bergauf Stück wurde es schmerzhafter und davon gibt es viele auf dem Weg ins Energy Lab. Es tat weh sie zu sehen, energetisch voll da, aber muskulär eingeschränkt, zu wissen das sie die Form hat und dann dieser Rückschlag. Nach dem Energy Lab musste sie kurz die Muskulatur auflockern, da der ganze untere Rücken zu ging. Ähnliche Symptome wie bei dem Weltmeister Jan Frodeno. Astrid konnte keine Fahrt mehr aufnehmen zu groß der Schmerz. Aus dem Ziel Angriff und später Top 10 wurde finishen. Es war schwer für sie sich damit abzufinden, aber alle sportliche Größe war dabei das Ding durchzuziehen. Astrid kann stolz sein so einen Kampf geliefert zu haben und sie weiß welche Form da war. 


André Collet kommentierte danach sehr passsend und aus Erfahrung: „Nicht aufzugeben ist manchmal die letzte Option, aber auch der härteste Kampf.“

So war diese Aussage und für Astrid zugleich ein Tag den sie voller Stolz in ihrem Herzen tragen kann, denn sie hat alles da draußen gelassen und für ihren Traum gekämpft. Sich gegen alles gestemmt und cool reagiert. Ich ziehe meinen Hut vor dieser herausragenden Leistung. Und nie war ein Finish im wahrsten Sinne des Worte so sehr mit Blut, Schweiß und Tränen verdient. Platz 25 steht am Ende zu buche und ist die nüchterne Bilanz des größten Kampfes und der bewegensten Emotionen die ich je im Sport hautnah erleben durfte. 


Jetzt heißt es dem Körper die notwendige Erholung zu gönnen und den letzten Tag vor dem Heimflug zu genießen. Nur so viel. Sie macht schon wieder Pläne. Zu sehr weiß sie was gegangen wäre. Jetzt muss der Coach sie ein wenig bremsen. Erst nächstes Jahr darf sie wieder angreifen. Gesundheit geht vor und große Rennen kommen sicher. 

Danke Astrid für diesen Kampf. Du bist ein Champ!

Mahalo

Chris

8 Gedanken zu “Tag 17 – Kona Blog 2017

  1. Johannes Schrader schreibt:

    Unglaubliche Leistung. Ich bekam Gänsehaut beim Lesen. Mein größter Respekt, dass du das durchgezogen hast! Gratulation und gute Regeneration!

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  2. Meike Hoffmeister schreibt:

    Aloha und gaaaanz herzlichen Glückwunsch zur tollen Leistung, die man dank des unglaublich intensiven Rennberichtes nochmal besser einordnen kann. Wahnsinns-Leistung! Einfach schade, wenn man nicht das zeigen kann, was eigentlich hätte gehen können, aber umso beachtlicher, wenn man weiß, wie Du gekämpft hast. Chapeau!!! Erhol Dich gut!!!
    Und nochmal Mahalo für den tollen Blog!
    Lg Meike

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